Ralf C. Kohlrausch
2004-02-23 00:56:39 UTC
Moin,
ich habe gestern knapp zwei Stunden mit Walter E. Schön telefoniert, um
mich ein bißchen über die Erschaffung des Mythos informieren zu lassen.
Er ist einverstanden, daß ich hier eine Zusammenfassung poste.
Das Beroflex 8/500 wurde unter den verschiedenen Baugleichen und
Bauähnlichen ausgewählt, weil Beroflex damals die größte
Marktdurchdringung hatte. Nach Erscheinen des Tests hat WES aus
Leser-Reaktionen den Eindruck gewonnen, daß bei Bero die
Wahrscheinlichkeit größer war, ein gutes zu erwischen als bei den
Mitbewerbern. Konkrete Hinweise auf eine bessere Qualitätskontrolle hat
er aber nicht. Wer die Objektive damals baute weiß er nicht. Seinerzeit
wurde aus sowas noch ein größeres Geheimnis gemacht. Selbst bei
offensichtlichen Baugleichheiten leugneten die Anbieter oft. Die
Resonanz auf den Wundertütentest war beachtlich, WES glaubt, daß
Beroflex gut daran verdient hat.
WES hatte sich von seiner Testtafel her darauf eingeschossen, bei
Abbildungsmaßstab 1:50 zu testen. Das ging mit den langen Tüten nicht im
Keller seines Büros, daher das Ausweichen in die Turnhalle. Die
Testtafel war selbst angefertigt. Sie wurde mit einer Rollei-Blitzanlage
von zwei Seiten aus größerer Entfernung durch Diffusoren aus 45 Grad
beleuchtet. Er hatte somit auch nicht den heute in Durchlicht-Testtafeln
gern verwendeten Bildkontrast von 1:1000. WES testete auf Agfapan 25,
der in Ultrafin entwickelt wurde. Einerseits kam damit einer der
seinerzeit schärftsten Filme zum Einsatz, andererseits verzichtete WES
auf künstliches Herauskitzeln durch den Einsatz von Dokumentenfilmen
oder Oberflächen- oder Kantenentwicklern. Zum Scharfstellen benutzte er
eine zweifache Sucherlupe. Die Kamera war auf einem eigens angefertigten
Einstellschlitten befestigt, der auf dem Grundrohr einer Linhof Kardan E
basierte. Bei einer Mittelstellung wurde scharf gestellt, dann bei
unveränderter Einstellung des Schärferinges drei Stufen vor und zurück
variiert. Die Stufen waren (nach entsprechenden eigenen Tests) so
gewählt, daß sie bei Fokusabweichungen diese gerade noch anzeigten und
nicht zu befürchten war, daß das Optimum zwischen zwei Schritten lag.
Hierbei wurde auch deutlich, daß mehrere seiner Kameras Abweichungen in
der Länge des Lichtweges über den Spiegel auf den Film und direkt auf
den Film hatten. Sie mußten nachjustiert beziehungsweise ausgetauscht
werden.
Die Filme wurden in einer automatischen Anlage standartisiert
entwickelt. Die Negative dann durch ein binokulares Olympus
Forschungsmikroskop beurteilt, wobei eine 100-Watt-Halogenlampe als
Beleuchtung diente.
Bezüglich der Serienstreuung, die besonders bei den baugleichen 8/500ern
Spiegelteles und dem unter verschiedenen Namen angebotenen und
getesteten Tokina 4/80-200 deutlich wurde, meinte Schön, die könne einen
bei allen Anbietern erwischen. Bei den großen Häusern theoretisch
seltener, praktisch im Einzelfall aber ganz gewaltig. So habe er selbst
als Teil eines Honorares von Canon direkt auch ein paar Objektive
erhalten, von denen eines eine zersplitterte innere Linse gehabt habe.
Ein Tilt-Shift, wobei er nicht mehr sicher war, ob ein 24er oder ein
45er. Just Canon war auch direkt bei CoFo diesbezüglich schon einmal
unangenehm aufgefallen, als sie Barnim A. Schultze (der damals für CoFo
testete) eine derart ramponierte F1 zuschickten, daß er damit nicht
praktisch fotografieren konnte. Seine öffentlich vorgetragene Bitte:
"Also bitte in Zukunft einwandfreie Testkameras. Ich spiele ja nicht
damit."
Druck von Inserenten oder Bestechungsversuche habe es nicht direkt
gegeben, aber indirekt. So sei der Anzeigenleiter der CoFo mal auf ihn
zugekommen: "Ich könnte von diesem Importeur eine Anzeige bekommen, aber
seine Objektive schneiden in Ihren Tests immer so schlecht ab. Können
Sie die nicht einfach mal weglassen?" Schön habe dem Anzeigenleiter dann
erklärt, was unter "alle auf dem deutschen Markt erhältlichen Objektive
der Brennweite x" zu verstehen sei. Aus der HiFi-Branche (WES war früher
auch Chefredakteur einer HiFi-Zeitschrift) habe er dagegen erlebt, wie
ganz ungeniert Testanlagen zu einem Bruchteil des Normalpreises zum Kauf
angeboten oder von den Testern so eingefordert wurden. Oder Angebote wie
"Testen Sie das mal gut, dann leihen wir Ihnen das für zwei Jahre und
finden die Unterlagen nicht wieder." Derlei habe er in der Fotobranche
nicht erlebt. Allerdings haben mehrer Unternehmen ihm
Schadensersatzklagen angedroht, als seine Tests noch neu waren. So
Leitz, Vivitar und Foto Quelle. Er habe dann angeboten, sich
zusammenzusetzen und gemeinsam mal die Testprotokolle durchzugehen.
Leitz sei besonders erbost gewesen, daß das Noctilux 1/50 in einem
Vergleichstest nicht gut weggekommen sei. Leitz hatte es offenbar als
besonders lichtstarkes Universalobjektiv beworben und WES hatte es als
besonders lichtstarkes, aber für Alltagszwecke weniger brauchbares
Spezialobjektiv ertestet. Ich habe mir den entsprechenden Test gerade
noch einmal durchgelesen. Ich würde sagen, Leitz hat damals den Test
gegen den gesamten Wettbewerb sauber verloren. Nun, nach den gemeinsamen
Gesprächen in den Redaktionsräumen von CoFo ließen die Leitz-Justitiare
nichts mehr von sich hören, Foto Quelle bot ihm einen Job in der
Qualitätssicherung an und Vivitar ludt ihn in die Firmenzentrale nach
Santa Monica ein, um dort mal Grundsätzliches zur Qualitätssicherung
vorzutragen. Der Besuch bei Vivitar hat stattgefunden, Foto Quelle mußte
ohne ihn weiterkommen. Nach einiger Zeit habe es schließlich keine
Reklamationen mehr gegeben.
Allerdings sei ein Importeur pleite gegangen. So habe ein
Optigon-Objektiv derart schlechte Ergebnisse geliefert, daß Schön ein
zweites Exemplar anfordern mußte. Das sei etwas anders, in der Summe der
Fehler aber genauso schlecht gewesen. Drittes Exemplar angefordert und
bekommen, neue Zusammenstellung der Fehler, in der Summe abermals
genauso schlecht. Das stand dann schließlich auch in der CoFo, woraufhin
ein Kaufhaus-Konzern eine Bestellung über 6.000 Exemplare stornierte.
Die waren allerdings schon auf hoher See...
Gruß
Ralf C.
ich habe gestern knapp zwei Stunden mit Walter E. Schön telefoniert, um
mich ein bißchen über die Erschaffung des Mythos informieren zu lassen.
Er ist einverstanden, daß ich hier eine Zusammenfassung poste.
Das Beroflex 8/500 wurde unter den verschiedenen Baugleichen und
Bauähnlichen ausgewählt, weil Beroflex damals die größte
Marktdurchdringung hatte. Nach Erscheinen des Tests hat WES aus
Leser-Reaktionen den Eindruck gewonnen, daß bei Bero die
Wahrscheinlichkeit größer war, ein gutes zu erwischen als bei den
Mitbewerbern. Konkrete Hinweise auf eine bessere Qualitätskontrolle hat
er aber nicht. Wer die Objektive damals baute weiß er nicht. Seinerzeit
wurde aus sowas noch ein größeres Geheimnis gemacht. Selbst bei
offensichtlichen Baugleichheiten leugneten die Anbieter oft. Die
Resonanz auf den Wundertütentest war beachtlich, WES glaubt, daß
Beroflex gut daran verdient hat.
WES hatte sich von seiner Testtafel her darauf eingeschossen, bei
Abbildungsmaßstab 1:50 zu testen. Das ging mit den langen Tüten nicht im
Keller seines Büros, daher das Ausweichen in die Turnhalle. Die
Testtafel war selbst angefertigt. Sie wurde mit einer Rollei-Blitzanlage
von zwei Seiten aus größerer Entfernung durch Diffusoren aus 45 Grad
beleuchtet. Er hatte somit auch nicht den heute in Durchlicht-Testtafeln
gern verwendeten Bildkontrast von 1:1000. WES testete auf Agfapan 25,
der in Ultrafin entwickelt wurde. Einerseits kam damit einer der
seinerzeit schärftsten Filme zum Einsatz, andererseits verzichtete WES
auf künstliches Herauskitzeln durch den Einsatz von Dokumentenfilmen
oder Oberflächen- oder Kantenentwicklern. Zum Scharfstellen benutzte er
eine zweifache Sucherlupe. Die Kamera war auf einem eigens angefertigten
Einstellschlitten befestigt, der auf dem Grundrohr einer Linhof Kardan E
basierte. Bei einer Mittelstellung wurde scharf gestellt, dann bei
unveränderter Einstellung des Schärferinges drei Stufen vor und zurück
variiert. Die Stufen waren (nach entsprechenden eigenen Tests) so
gewählt, daß sie bei Fokusabweichungen diese gerade noch anzeigten und
nicht zu befürchten war, daß das Optimum zwischen zwei Schritten lag.
Hierbei wurde auch deutlich, daß mehrere seiner Kameras Abweichungen in
der Länge des Lichtweges über den Spiegel auf den Film und direkt auf
den Film hatten. Sie mußten nachjustiert beziehungsweise ausgetauscht
werden.
Die Filme wurden in einer automatischen Anlage standartisiert
entwickelt. Die Negative dann durch ein binokulares Olympus
Forschungsmikroskop beurteilt, wobei eine 100-Watt-Halogenlampe als
Beleuchtung diente.
Bezüglich der Serienstreuung, die besonders bei den baugleichen 8/500ern
Spiegelteles und dem unter verschiedenen Namen angebotenen und
getesteten Tokina 4/80-200 deutlich wurde, meinte Schön, die könne einen
bei allen Anbietern erwischen. Bei den großen Häusern theoretisch
seltener, praktisch im Einzelfall aber ganz gewaltig. So habe er selbst
als Teil eines Honorares von Canon direkt auch ein paar Objektive
erhalten, von denen eines eine zersplitterte innere Linse gehabt habe.
Ein Tilt-Shift, wobei er nicht mehr sicher war, ob ein 24er oder ein
45er. Just Canon war auch direkt bei CoFo diesbezüglich schon einmal
unangenehm aufgefallen, als sie Barnim A. Schultze (der damals für CoFo
testete) eine derart ramponierte F1 zuschickten, daß er damit nicht
praktisch fotografieren konnte. Seine öffentlich vorgetragene Bitte:
"Also bitte in Zukunft einwandfreie Testkameras. Ich spiele ja nicht
damit."
Druck von Inserenten oder Bestechungsversuche habe es nicht direkt
gegeben, aber indirekt. So sei der Anzeigenleiter der CoFo mal auf ihn
zugekommen: "Ich könnte von diesem Importeur eine Anzeige bekommen, aber
seine Objektive schneiden in Ihren Tests immer so schlecht ab. Können
Sie die nicht einfach mal weglassen?" Schön habe dem Anzeigenleiter dann
erklärt, was unter "alle auf dem deutschen Markt erhältlichen Objektive
der Brennweite x" zu verstehen sei. Aus der HiFi-Branche (WES war früher
auch Chefredakteur einer HiFi-Zeitschrift) habe er dagegen erlebt, wie
ganz ungeniert Testanlagen zu einem Bruchteil des Normalpreises zum Kauf
angeboten oder von den Testern so eingefordert wurden. Oder Angebote wie
"Testen Sie das mal gut, dann leihen wir Ihnen das für zwei Jahre und
finden die Unterlagen nicht wieder." Derlei habe er in der Fotobranche
nicht erlebt. Allerdings haben mehrer Unternehmen ihm
Schadensersatzklagen angedroht, als seine Tests noch neu waren. So
Leitz, Vivitar und Foto Quelle. Er habe dann angeboten, sich
zusammenzusetzen und gemeinsam mal die Testprotokolle durchzugehen.
Leitz sei besonders erbost gewesen, daß das Noctilux 1/50 in einem
Vergleichstest nicht gut weggekommen sei. Leitz hatte es offenbar als
besonders lichtstarkes Universalobjektiv beworben und WES hatte es als
besonders lichtstarkes, aber für Alltagszwecke weniger brauchbares
Spezialobjektiv ertestet. Ich habe mir den entsprechenden Test gerade
noch einmal durchgelesen. Ich würde sagen, Leitz hat damals den Test
gegen den gesamten Wettbewerb sauber verloren. Nun, nach den gemeinsamen
Gesprächen in den Redaktionsräumen von CoFo ließen die Leitz-Justitiare
nichts mehr von sich hören, Foto Quelle bot ihm einen Job in der
Qualitätssicherung an und Vivitar ludt ihn in die Firmenzentrale nach
Santa Monica ein, um dort mal Grundsätzliches zur Qualitätssicherung
vorzutragen. Der Besuch bei Vivitar hat stattgefunden, Foto Quelle mußte
ohne ihn weiterkommen. Nach einiger Zeit habe es schließlich keine
Reklamationen mehr gegeben.
Allerdings sei ein Importeur pleite gegangen. So habe ein
Optigon-Objektiv derart schlechte Ergebnisse geliefert, daß Schön ein
zweites Exemplar anfordern mußte. Das sei etwas anders, in der Summe der
Fehler aber genauso schlecht gewesen. Drittes Exemplar angefordert und
bekommen, neue Zusammenstellung der Fehler, in der Summe abermals
genauso schlecht. Das stand dann schließlich auch in der CoFo, woraufhin
ein Kaufhaus-Konzern eine Bestellung über 6.000 Exemplare stornierte.
Die waren allerdings schon auf hoher See...
Gruß
Ralf C.